Über das Festival
Erasmus klingt! – Festival Lab 2026: «Viaggio» – Erasmus unterwegs
Basels historische Altstadt wird vom 6. bis 13. September 2026 zum dritten Mal Schauplatz des interdisziplinären Festivals Erasmus klingt! – Festival Lab. Die epochale Figur des Erasmus von Rotterdam, der viele Jahre in Basel gewirkt hat, steht im Zentrum des Barockfestivals, das im Hinblick auf Erasmus’ 500stes Todesjahr 2036 als Biennale stattfindet. Für die dritte Ausgabe von Erasmus klingt! – Festival Lab dienen Erasmus’ Reiseberichte als Quelle der Inspiration für zahlreiche Konzerte und Veranstaltungen zum Thema «Viaggio» – Erasmus unterwegs. Das Festival wird in Zusammenarbeit mit diversen Basler Bildungs- und Kulturinstitutionen durchgeführt, darunter die Universität Basel, die Schola Cantorum Basiliensis und die Volkshochschule beider Basel.
Tickets können ab dem 15. April 2026 online unter erasmus-klingt.kulturticket.ch, telefonisch unter 0900 585 887 (Mo-Fr 10.30–12.30 Uhr CHF 1.20/Min.) oder an den bekannten Vorverkaufsstellen erworben werden. Auch erhältlich ist der Festivalpass, welcher 25% Rabatt gegenüber den Einzelkarten sowie kostenloser Eintritt zu den Begleitveranstaltungen gewährt.
Einführungstext von Giovanni Andrea Sechi, künstlerischer Berater
In den vergangenen Ausgaben von Erasmus klingt! – Festival Lab standen die Werke des Erasmus im Mittelpunkt. In diesem Jahr weiten wir unseren Blick auf seine Biografie, die dank seiner umfangreichen Korrespondenz eindrücklich dokumentiert ist. Die unzähligen Briefe, die er an Kollegen, Freunde sowie politische und kirchliche Würdenträger schrieb, vermitteln ein lebendiges Bild des Erasmus – und gewähren uns einen einzigartigen Einblick in den Alltag an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Damals wie heute hielt die Unsicherheit des politischen und militärischen Klimas in Europa Menschen nicht davon ab, Gegenstände und Informationen auszutauschen, internationale Grenzen zu überschreiten und solidarisch füreinander einzustehen.
Und welcher rote Faden verbindet das Leben von Erasmus und seine Briefe, wenn nicht das Thema der Reise? Die Reise im konkreten Sinne – als Bewegung durch den geografischen Raum – und im übertragenen Sinne: als Weg der inneren Reifung, als Suche nach der eigenen Identität durch die Auseinandersetzung mit dem Anderssein. Beide Perspektiven spiegeln sich im rastlosen Leben des Erasmus: Einerseits suchte er Beständigkeit – seine pädagogische und intellektuelle Arbeit verlangte nach einem festen Ort –, andererseits trieb ihn seine Natur zur Bewegung: Als Gelehrter und Herausgeber antiker Texte zog er zwischen europäischen Städten, Adelshöfen, Klöstern und entlegenen Bibliotheken hin und her.
Alle Konzerte des Festivals nehmen dieses weite Thema auf ihre je eigene Weise auf – und ermöglichen uns eine Reise vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Wir begegnen dem Exodus junger Menschen, die zum Studieren aufbrechen mussten (man denke an Johann Sebastian Bach, der die beschwerliche Reise zu Dietrich Buxtehude auf sich nahm, um die Kunst des Orgelbaus zu erlernen); der Reise als religiöse Pilgerschaft (eine der ältesten Routen war die «Via Francigena», die durch Europa über Rom bis nach Jerusalem führte); dem Wanderleben der gefeierten Künstler (wie Niccolò Jommelli, ein Komponist, um und über den die grossen Höfe Europas stritten); sowie der Wanderung musikalischer und kultureller Praktiken – man denke an die sogenannten «arie di baule», jene Paradestücke, die Sängerinnen und Sänger von einer Oper zur nächsten mitnahmen, um das Publikum zu begeistern und ihre stimmlichen Fähigkeiten zur Schau zu stellen.
Wegweiser durch diese vielfältigen Facetten des Reisens sind Künstler:innen von internationalem Rang: Sir John Eliot Gardiner, Giovanni Antonini, Leonardo García-Alarcón, Andrea Marcon, Julia Lezhneva, Voces8, Vox Luminis und das Ensemble Caravaggio. Über das musikalische Angebot hinaus bietet das Festivalprogramm eine Fülle von Symposien, Podiumsgesprächen, Führungen, Workshops und Buchpräsentationen. Verschiedenste Orte Basels werden durch Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Schriftstellerinnen zu Wort – darunter Bruno Preisendörfer, Tobias Roth, Elke Schmitter, Alain Claude Sulzer, Ilija Trojanow, Vertreterinnen und Vertreter der Internationalen Castellio-Gesellschaft (ICG) sowie Dozierende der Universität Basel und viele mehr belebt.

«Verrücktes» erlebbar machen
Prolog 2022 Christoph Müller, künstlerisches Management und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab
Zu sagen, dass mit «Erasmus klingt» für mich ein Traum in Erfüllung geht, ist nicht übertrieben. Als Cellist und Veranstalter habe ich seit Beginn meiner musikalischen und organisatorischen Tätigkeit eine Vorliebe zur Periode des Barock und der Frühklassik und bin fasziniert vom Leben und Denken früherer Epochen und Jahrhunderte. Besonders reizvoll ist für mich die Tatsache, dass für die Menschen sowohl in der Antike und der Renaissance als auch im 21. Jahrhundert Themen wie Macht, Eifersucht, Liebe und Tod stets existenziell waren und dass das Bedürfnis nach Ausdruck, Austausch, Debatte und künstlerischer Interaktion ungebrochen ist, unabhängig von der Zeit, in der wir leben. Das Erscheinungsbild unseres neuen Festivalformats versucht dies ins Bild zu rücken: Erasmus (in der Darstellung von Hans Holbein um 1530) im Heute, mit weissen Headphones im Stadtgetümmel, dem grünen Basler Tram im Hintergrund.
Die Idee, Erasmus’ Werke im biennalen Rhythmus bis zu seinem fünfhundertsten Todesjahr 2036 ins Zentrum eines Festivalformats zu stellen, ist auch mit dem Anliegen verbunden, deren Inhalte neu zu überdenken, zu deuten, zu vermitteln, zu diskutieren und sie vom Standpunkt verschiedener Disziplinen zu betrachten: Musik, Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte und Basler Stadtgeschichte.
Dass es dennoch ein Musikfestival geworden ist, liegt sicher daran, dass Musik die unmittelbarste und emotionalste Ausdrucksform aller Kunstgattungen ist. Mit Musik möchten wir unsere Besucher:innen gewissermassen verführen; sie soll ihnen die Tür zu den Themenwelten des Erasmus öffnen. Auch wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass Erasmus Musik fern lag (bis auf wenige Aussagen im Zusammenhang mit der Handhabe von Kirchenmusik sind keine Hinweise auf Erasmus’ Musikliebe überliefert), haben wir es gewagt, die Musik ins Zentrum des Festivals zu stellen. Die Periode der Aufklärung und der aufkeimenden humanistischen Gedanken zu Beginn des 16. Jahrhunderts können als Katalysatoren der Musikgeschichte betrachtet werden. Hätte die Gesellschaft nicht darauf gebrannt, Gefühle durch Musik auszudrücken, wäre Monteverdi mit «Orfeo» (1607) wohl kaum auf die Idee gekommen, das Format der Oper zu entwickeln.
Erasmus kämpfte für die Freiheit des Individuums, er appellierte früh an den «freien Willen» jedes Menschen, kritisierte die Zustände in Kirche, Gesellschaft und Erziehung, aber auch zwischen Mann und Frau — und riskierte damit Kopf und Kragen, nämlich der berüchtigten Inquisition der katholi- schen Kirche zum Opfer zu fallen. Andererseits war er aber auch nicht willens, blindlings den Forderungen der Protestanten nachzukommen.
Es gehört zu den grossen Privilegien der Stadt Basel, dass mit Erasmus einer der universellsten Denker der Menschheitsgeschichte Teil ihrer Geschichte geworden ist. Wir erhoffen uns mit diesem Projekt, die Tragweite dieser bedeutenden Figur so umfassend wie möglich zum Ausdruck zu bringen. Dass inzwischen acht Basler Bildungsinstitutionen eine Partnerschaft mit uns eingegangen sind, bringt zum Ausdruck, wie enorm der Nachholbedarf in Bezug auf die Vermittlung zu Erasmus’ Werk tatsächlich ist.
Ich danke allen Partnerinstitutionen herzlich für ihre Bereitschaft, an diesem Experiment teilzuhaben. Besonderen Dank möchte ich dem Schriftsteller Alain Claude Sulzer ausdrücken, der mit seinen inspirierenden Ideen, seinem Wissen, seiner Neugierde, der Lust zur Recherche und mit seinem umfangreichen Netzwerk wesentlich dazu beitrug, namentlich die Nebenveranstaltungen sinngebend und logisch zu kuratieren. Auch der Musikwissenschaftler Giovanni Andrea Sechi beriet und berät mich in wesentlichen inhaltlichen Fragen und trägt dazu bei, dass die musikalischen Bezüge zu Erasmus‘ Werk hergestellt werden.
Ein solches Projekt wäre aber undenkbar ohne Partner und Sponsoren. Den Entscheidungsträgern des Swisslos-Fonds Basel-Stadt gebührt besonderer Dank für die grosszügige Förderung dieser neuen Festival-Initiative. Ohne diese initiale Zusage hätte ich kaum die Möglichkeiten gehabt, weitere Unterstützer zu gewinnen. Ihnen allen danke ich, dass sie mir das Vertrauen entgegenbringen, ein solches Projekt von der ersten Skizze auf dem weissen Blatt Papier bis zur Vollendung realisieren zu können.
Als Musiker und künstlerischer Manager verbindet sich mit der Erfüllung meines Traums von einem Barockfestival in der Basler Altstadt auch der Wunsch, künstlerische Inhalte «out of the box» in neuen Formaten greif-, spür- und fühlbar zu machen: Die «Verrücktheit» des Toren in einer Lesung oder Podiumsdiskussion rational zu verstehen, um sie danach im Konzert emotional nachvollziehen zu können, ist das Ziel dieses Projekts.
Ihr Christoph Müller, künstlerischer Manager
und Gründer von Erasmus klingt! – Festival Lab, Hochrhein Musikfestival, Basel

Vorstellung des Festivals Erasmus klingt! – Festlival Lab 2022
Prolog Giovanni Andrea Sechi, Musikwissenschaftler und künstlerischer Berater von Erasmus klingt! – Festival Lab
Warum ein Festival zu Ehren des Humanisten Erasmus von Rotterdam? Warum in einer Stadt wie Basel? Erasmus war ein Gelehrter, der im 15. und 16. Jahrhundert lebte und durch ganz Europa reiste. In seinen Werken entwickelt sich der Traum von einer Menschheit, die durch gemeinsame kulturelle Wurzeln vereint ist (dank humanistischer Studien). Aus diesem Grund wählte die Europäische Union 1987 Erasmus als Symbol einer intellektuellen Gemeinschaft, die Ländergrenzen überwindet und Vielfalt nicht als ein trennendes, sondern vielmehr als ein bereicherndes Element erachtet. Das Erasmus-Programm zur Förderung des europäischen Auslandsstudiums wurde nach ihm benannt. Und nicht ganz zufällig ist auch Basel - wo Erasmus lebte und 1532 starb - eine kosmopolitische Stadt, in der Studierende aus der ganzen Welt heute zusammentreffen, um gemeinsam zu studieren. Aus all diesen Gründen ist die Stadt Basel der ideale Ort, um einen neuen experimentellen Raum zu schaffen, ein Laboratorium, in dem sich verschiedene Kulturen, Erfahrungen und Disziplinen gegenüberstehen können. Dieses Laboratorium ist «Erasmus klingt» – ein interdisziplinäres künstlerisches Festival, das im September 2022 zum ersten Mal ausgerichtet wird. Das Thema der ersten Ausgabe lautet «Folia», inspiriert durch eines der bekanntesten Werke von Erasmus, «Lob der Torheit», das 1509 erstmals in Latein (Moriae encomium) veröffentlicht wurde.
In dieser bissigen Satire begegnen wir einem imaginären Diskurs der Torheit, einer allegorischen Figur, in dem die Lügen aufgedeckt werden, hinter denen die Menschheit die Schlechtigkeit und das Leid der Welt zu verbergen sucht. Die Aufdeckung des Wahren und die Entlarvung des Falschen sind die beiden Themen, auf die sich der Diskurs der Torheit konzentriert. Am Ende des Buches ist die Torheit sehr viel «weiser» und «logischer» als so manche menschliche Tugend. Durch die allegorische Figur der Torheit verurteilte Erasmus seinerzeit die Korruption des Klerus und des Papsttums und verspottete die äusserlichen und formalen Aspekte der vorherrschenden Religiosität. Ein Tor ist jemand, der glaubt, dass bestimmte Gesten der Hingabe ausreichen, um ins Paradies zu gelangen, oder dass es genügt, eine Münze in eine Schale zu werfen, um von allen Sünden erlöst zu werden. «Lob der Torheit» war eines der erfolgreichsten literarischen Werke des 16. Jahrhunderts. Es wurde überall in Europa gelesen, in mehrere Sprachen übersetzt und erschien in zahlreichen Ausgaben und Imitaten. Die vielen Andeutungen, die Erasmus in diesem Buch hinterlassen hat, waren der Grund, warum wir uns bei der ersten Ausgabe von «Erasmus Klingt» für das Thema der «Follia» als roten Faden entschieden haben. Der Irrsinn, von dem Erasmus spricht, geht allerdings mit einer gehörigen Portion Mut einher: Um in einer derart schwierigen Zeit wie heute ein neues künstlerisches Festival hervorzubringen, muss man in der Tat sowohl mutig als auch etwas verrückt sein. Trotz der schweren Auswirkungen der Covid-19-Pande- mie und angesichts eines Krieges in Osteuropa sind wir dennoch überzeugt, dass die Künste ein Medium für den wahren kulturellen Austausch sind – und damit auch für den Frieden. Daher fehlt es uns von «Erasmus Klingt» weder an Mut noch an Irrsinn, noch an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dieselbe törichte Hoffnung, die Erasmus dazu brachte, die Fehler seiner Zeit anzuprangern und den Weg für moralische Werte zu ebnen, die sich am Frieden, an der Gegenüberstellung und an der Akzeptanz von Andersartigkeit orientieren. Disziplinen wie die Musik und die Geistes- wissenschaften sind gewiss die besten Botschafterinnen dieser moralischen Werte. Auf dass sie auf dem «Erasmus Klingt» — Festival ihren freien Ausdruck finden!